Deutscher Gewerkschaftsbund

11.10.2016

DGB Rottweil: Liegt die Pflege am Boden?

Liegt die Pflege am Boden?

Das jedenfalls fragten sich die Mitglieder und Gäste des DGB Kreisverbandes Rottweil letzten Dienstagabend bei ihrem offenen Monatstreff. Die Pflegedienstleiterin Pamela Gems von der katholischen Sozialstation in Tuttlingen berichtete über die Situation in der ambulanten Pflege. „ Sie müssen sich das vorstellen wie beim Bäcker. Sie wählen sich ein Brot, zwei Brötchen und ein Stück Kuchen aus, zahlen dann aber nur für ein Produkt“ So funktioniert die Abrechnung für erbrachte Leistungen in der Behandlungspflege, was konkret bedeutet, dass egal, wie viele ärztlich verordnete Behandlungen beim Patient durchgeführt werden sollen, immer nur eine bezahlt wird. Dass solch ein Abrechnungssystem zu einem ökonomischen Vabanquespiel wird ist nur allzu leicht zu verstehen. „Oft sind unsere Patienten multimorbide, d.h. sie haben nicht nur ein, sondern gleich mehrere medizinische Probleme“ so Pamela Gems. Dann muss sie als Pflegedienstleiterin auf die Zeit drängen, die die Mitarbeiterinnen für die notwendigen Behandlungen aufbringen. Denn nicht nur in der Wirtschaft, sondern auch in der Pflege ist Zeit Geld. Denn wo nicht die Qualität der Pflege samt Hinwendung und psychosozialer Unterstützung bezahlt wird, sondern nur die statistisch erfasste Zeit für eine Behandlung finanziert wird, unabhängig von der individuellen Bedürftigkeit, kann die Sozialstation nur dann finanziell überleben, wenn sie nicht mehr Zeit als vorgesehen mit dem Patienten verbringt.

Für die Gewerkschaftsmitglieder war natürlich auch die Arbeitssituation der Beschäftigten von hohem Interesse. Dazu führte Gems aus, dass sie vor allem von hohen Flexibilitätsansprüchen geprägt sei. Denn die Patienten brauchen 7 Tage die Woche Unterstützung und zu allen möglichen Uhrzeiten. Erschwerend käme hinzu, dass Kolleginnen und Kollegen alle Ausfälle übernehmen müssen, da die knappe Finanzierung keine Personalstellen für Springer oder Krankheitsvertretungen zulässt. „Der größte Stress ist aber sicherlich der Spagat zwischen dem eigenen professionellen wie auch menschlichen Anspruch an die eigene Arbeit und den vorhandenen Rahmenbedingungen in der Pflege“. So manche Fachkraft verlässt trotz Identifikation mit dem Berufsbild diesen Bereich und der Nachwuchsmangel schlägt extrem zu. Zwischen dem ersten und dem letzten Ausbildungsjahr kommt es zu einer enormen Abbruchquote, die ganz eng mit den schwierigen Arbeitsbedingungen in Kombination mit einer hohen Geringschätzung für dieses Berufsfeld zusammen hängt. Viele Beschäftige aus der Kranken- und Altenpflege sind frustriert und auch entmutigt, dass sich so wenig verändert hat in den letzten Jahren, obwohl der Pflegenotstand in aller Munde war und ist.

Der DGB Kreisverband Rottweil wird sich in den nächsten zwei Jahren verstärkt mit den Arbeitsbedingungen in der Pflege auseinandersetzen und auch in einen Diskurs mit den politisch Verantwortlichen treten. „Denn eine würdige Pflege braucht würdige Arbeitsbedingungen und diese müssen über sozialstaatliche Regelungen ermöglicht werden“ sagte Bernd Scheibke, Vorsitzender des Kreisverbandes zum Abschluss des Abends.


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